Sentir la tipografia
LÄSSTsich spürenTYPOGRAFIE

Buchstaben umgeben uns überall, sie sind Teil unserer Umwelt und unseres Lebens. Die Typografie ist ein Gegenstand alltäglichen und allgemeinen Gebrauchs, bereits durch das Lesen dieses Artikels beschäftigen Sie sich damit. Wir alle haben unseren eigenen kulturellen Hintergrund und reagieren auf unterschiedliche Weise auf Formen und Stilarten.

Jeder kann erkennen, wie Schrift mit uns kommuniziert, ihre Bedeutung verstehen und sich sogar mit ihr identifizieren.

City
Berlino
Bruxelles
Chattanooga
Eindhoven
Lisbona
Stoccolma

Die Typografie BMF Change wurde 2008 von Alessio Leonardi im Rahmen der Marketingkampagne der Berliner Regierung gestaltet. Zweck war, die Stadt als “Berlin, Stadt des Wandels” zu positionieren.
Diese Typografie soll Offenheit vermitteln, für die Frische der Stadt stehen und das Sprachrohr der Berliner sein.

Miguel Hernández gestaltete 2013 für Base Design, das eine Marketingkampagne für die Stadt Brüssel durchführte, die Typografie Mija. Damit wollte man erreichen, dass sich die Bürger besser mit ihrer Stadt identifizieren können und gleichzeitig sollte Brüssel als Reiseziel gefördert werden.
Die mit dieser Typografie verbundenen Werte sind Offenheit, Zugänglichkeit und der Wunsch, wieder zu kommen.

Die Typografie Chatype wurde im Jahr 2012 von Robbie de Villiers und Jeremy Dooley, zwei Bürgern der Stadt, gestaltet und anschließend als offizielle Schriftart der Stadtregierung übernommen. Chattanooga hatte als eine der ersten Städte in den USA eine eigene Schrift.
Die mit Chatype assoziierten Werte sind Gruppenkohäsion, kulturelle Identität und industrielle Herkunft.

Die Typografie Eindhoven war ein Bestandteil der von Eindhoven365 im Jahr 2013 für die Stadt initiierten Kampagne.
Ziel war, eine auf einem einzigartigen Design basierende Markenpolitik zu schaffen, mit der sich die zahlreichen Technologiefirmen und Kreativunternehmen identifizieren konnten, von denen sich immer mehr in der Region niederlassen.
Diese Typografie will Werte wie Kooperation, Energie und Kreativität vermitteln.

Die Typografie LX Type geht auf die Initiative der Agentur Leo Burnett zurück, wurde von dem Designer Guilherme Nunes gestaltet und ist seit 2014 in Verwendung. Hierbei handelt es sich um ein Projekt zur Tourismusförderung, das seine Inspiration in der elektrischen Verkabelung der Straßenbahnen fand, die Lissabon durchziehen. Jeder Buchstabe stellt einen Bestandteil der Hauptstadt dar.
Hier sind die mit der Typografie assoziierten Werte Einzigartigkeit, kulturelle Identität und Kreativität.

Die Typografie Stockholm Type entstand für die Kampagne Essen International, die 2013 gestartet wurde, um die unzähligen Mitteilungen von Museen und Institutionen der Stadt kohärenter zu gestalten.
Werte, die mit dieser Typografie in Verbindung stehen, sind Modernität, Schönheit und Sauberkeit.

Typografie ist Teil der Landschaft

Der deutsche Designer Peter Behrens postulierte, dass nach der Architektur «[die Schrift] eines der sprechendsten Ausdrucksmittel jeder Stilperiode ist [...]. Sie gibt [...] wohl das am meisten charakteristische Bild einer Zeit und das strengste Zeugnis für die geistige Entwicklungsstufe eines Volkes».

Der Schweizer Adrian Frutiger, einer der angesehensten und einflussreichsten Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts, verglich die Form typografischer Buchstaben mit der Architektur und dem Schuh- oder Automobildesign. Dafür fand er eloquente Parallelismen, beispielsweise zwischen der engen Laufweite und den kräftigen Linien einer gotischen Schrift und der Robustheit und vertikalen Ausrichtung mittelalterlicher Kathedralen. Er verglich die Funktionalität eines Wanderschuhs mit der Flexibilität, Zuverlässigkeit und Bequemlichkeit bestimmter Schriftarten wie z. B. Excelsior beim Lesen von langen Texten.

Für Frutiger ist das Design eines Alphabets nur ein weiterer Ausdruck des täglichen Lebens jeder Epoche und Kultur, deren Darstellungsformen am Ende auch die« Ästhetik der Schriftenlandschaft» beeinflussen. Mit anderen Worten, die Form der Buchstaben hängt sowohl von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen, aber auch von funktionalen Faktoren ab. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass die Typografie eigentlich ein Werkzeug ist; ein Mittel für die Übertragung von Gedanken und nicht zuletzt auch für das Hervorrufen von Empfindungen und Gefühlen.

Lokale und identitätsstiftende Schrifarten

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass Städte, Regionen oder Länder versuchen, sich als Produkt zu verkaufen und in Marken zu verwandeln. Hierfür tun sie es den Unternehmen gleich und greifen auf die Werkzeuge des Marketing zurück, beispielsweise durch das Erstellen eines Logos oder einer eigenen Schrift. Die «Städtemarken» beziehen sich auf den “Spirit” der jeweiligen Stadt, um sich von anderen Regionen abzuheben oder betonen bestimmte Werte, mit denen sich ihre Bürger identifizieren.

Der spanische Designer Pablo Gámez, von Chulotype, verweist dabei auf Beispiele von Städten wie Amman, Rom, Brüssel oder Helsinki — unter anderen —, für die eine spezifische Typografie entworfen wurde. Jede Stadt hat dafür unterschiedliche Beweggründe, alle verfolgen jedoch dasselbe Ziel: die Vermittlung von bestimmten eigenen Werten und eines konkreten Images. Städte wie Bath in England beispielsweise verlangen sogar von den ansässigen Unternehmen, ihre Firmenschilder an das Bild der historischen Altstadt anzupassen und haben selbst internationalen Großunternehmen Normen bezüglich der Ästhetik auferlegt.

Für das typografische Design einer Stadt ist jedoch eine eigene Schriftart unerlässlich. Die Gestaltung einer bestimmten urbanen Typografie muss zum Ziel haben, die gesamte Kommunikation einer Regionalinstitution — vom Rathaus bis hin zum Tourismusbüro —, zu vereinheitlichen und der Stadt somit ein einzigartiges und differenzierbares Image zu verleihen. Das Bild einer Stadt setzt sich aus all ihren Facetten aus Geschichte, Gebräuchen, Kultur, Handel und anderen visuellen Eindrücken zusammen. Möglicherweise ist es nicht ganz einfach, dieses Bild nachzuzeichnen - erkennen kann es jedoch jeder auf den ersten Blick.

Es heißt, dass, wenn man uns mit verbundenen Augen inmitten einer Stadt absetzen würde, wir nach einem einzigen Blick auf ihre Schilder und Kennzeichnungen erkennen könnten, um welche Stadt es sich handelt. Das ist relativ wahrscheinlich, denn diese Beschilderungen spiegeln die gesellschaftliche, wirtschaftliche und historische Entwicklung einer Region wider und werden somit zu einer Art typografischer DNA der Stadt. Ein konkretes Beispiel hierfür ist die Metro von London, die heute noch das ursprüngliche Beschriftungsdesign von Edward Johnston aus dem Jahre 1916 trägt. Oder auch die Metro von Berlin, deren Haltestellen-Ausschilderung von den unterschiedlichsten typografischen Designs durchzogen ist: Angefangen bei neoklassizistischen Schildern aus dem Jahr 1913 bis hin zu Beschriftungen im Stil der siebziger Jahre.

Infographic

Darüber hinaus assoziieren wir häufig spezifische typografische Eigenschaften mit bestimmten Orten oder Nationen. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die bedeutendsten Gestaltungen des Beginns der Geschichte der Typografie eng mit ihren Schöpfern, Herkunftsländern und dem allgemeinen Gebrauch verbunden sind. Erst in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wuchs in den Medien der avantgardistischen Künstler eine Ablehnung gegen traditionelle und zu sehr an eine Kultur gebundene Formen und man suchte eine Art Universalkommunikation, welche die Unterschiede zwischen Klassen und Nationen nicht hervorheben sollte. In dieser Zeit entstanden unzählige Grotesk-Schriftarten, wie die berühmte Futura von Paul Renner. Zudem begannen in dieser Zeit, die typografischen Grenzen zu verwischen, was den Beginn unseres heutigen Zeitalters der sprachenübergreifenden Schriftarten einleitete.

Ein Beispiel hierfür ist “Typographic Matchmaking in the City”, ein von der Designerin Huda AbiFares geleitetes Forschungsprojekt (2008 –2010), das sich auf das Kommunikationspotenzial von lateinisch-arabischen Beschriftungen in der Stadt konzentriert, wobei das geschriebene Wort bereits einen sprachlichen Austausch darstellen und die Integration von multikulturellen Arbeitsgruppen fördern soll.

Im Grunde genommen sind wir Menschen jedoch Gewohnheitstiere und erkennen bestimmte typografische Stile, da wir daran gewöhnt sind, sie in einer spezifischen Anwendungsumgebung zu sehen. Dies ist auch einer der Grundsätze der Semiotik (Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen befasst), die sich ebenfalls der Typografie bemächtigt: «Ein Objekt ist untrennbar mit den Ideen oder Assoziationen verbunden, die wir seinem Kontext zuschreiben».

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Von der Information zur Emotion

Die Nordamerikanerin Beatrice Warde bestand in “The Crystal Goblet” auf einer transparenten Typografie, damit die Schriftform nicht beim Lesen störe. Dies ist zwar der Idealfall, jedoch fast eine Utopie, da die Aufgabe der Typografie darin besteht, den Unterton des Gelesenen zu bestimmen. Sie agiert als menschliche Stimme und bietet nicht nur unterschiedliche Stärken der Intonation, sondern sogar spezifische Akzente und Klangfarben.

Sicherlich ist es richtig, dass eine vertraute Schriftart die Lektüre erleichtert, da sie in der Regel gar nicht beachtet wird, während eine ungewohnte Schrift die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich zieht und die Lesbarkeit eines Textes stören oder sogar die Wortbedeutung ändern bzw. andere Wörter hinzufügen kann. Der Grad der Lesbarkeit jedoch hängt auch von kulturellen Faktoren und Lesegewohnheiten ab. Laut einer bekannten Aussage der Schriftengestalterin Zuzana Licko aus dem Jahr 1990, «liest sich besser, was häufiger gelesen wird». Mit anderen Worten: Die Schriftarten, an die wir gewöhnt sind, lassen sich leichter lesen. Man spricht dabei von der Lesbarkeit einer Schrift.

Daraus lässt sich ableiten, dass eine Schrift, wie «transparent» sie auch sein mag, dennoch stets vorhanden ist und Informationen vermittelt, die wir zwar direkt vor Augen haben, aber nicht bewusst wahrnehmen. Die Typografie lässt sich mit den Tricks eines Zauberers vergleichen: Alles spielt sich direkt vor unseren Augen ab, aber wir bekommen nicht mit, was wirklich passiert.

Darüber hinaus existieren ungeschriebene Konventionen bezüglich der Assoziationen, die wir zwischen Schriftarten und zahlreichen Alltagssituationen herstellen. Bei manchen Schriften nehmen wir Werte wie Zuverlässigkeit, Tradition und eine gewisse Neutralität wahr und empfinden gleichzeitig das historische Schrifterbe. Solche Schriftarten erinnern an römische Inschriften in Steinen oder an alte Manuskripte, die Vertrauen und Langlebigkeit vermitteln. So verbinden wir Z.B. traditionelle römische Schriftarten wie Times New Roman mit seriösen Zeitschriften. Daher verleihen uns in dieser Schriftart verfasste Texte das Gefühl, einen korrekten und glaubwürdigen Text zu lesen. Das Gegenteil ist der Fall, wenn es sich bei der Schriftart um die zur Genüge bekannte Comic Sans handelt.

Die Form der Buchstaben

In ihrem Buch The Type Taster postuliert die britische Designerin und Kommunikatorin Sarah Hyndman, dass «die Typografie eine Zeitmaschine ist», da sie die Fähigkeit hat, Erinnerungen hervorzurufen. Im Laufe des Buchs führt Hyndman eine Reihe von Experimenten durch (von denen viele immer noch auf ihrer Webseite abzurufen sind), die einen eher spielerischen als wissenschaftlichen Charakters haben, um herauszufinden, welche Art von Emotionen bestimmte Schriftarten in uns hervorrufen, «auch jedoch, damit die Leute Spaß haben und sich mit der Typografie beschäftigen».

Die einzigen tatsächlich wissenschaftlichen Erkenntnisse diesbezüglich sind Grundlagenwissen. «Runde Formen werden eher als beruhigend angesehen, wohingegen eckige Beklemmung hervorrufen können. Ausgeglichene Buchstaben ohne Neigung wirken statisch, während geneigte Buchstaben in Bewegung zu sein scheinen». Diese Schlussfolgerungen werden mit Bezug auf die natürliche Umgebung gemacht, in der unregelmäßige Formen eher gefährlich oder aggressiv sein können und runde Formen Sicherheit und Freundlichkeit vermitteln.

Shape

Diese Assoziierungen haben mit dem ursprünglichen Überlebensgedanken zu tun. Wir haben jedoch auch affektive und emotionale Reaktionen auf Schriftarten, die durch unsere Erfahrungen und Erinnerungen beeinflusst sind. Diese gedanklichen Konstruktionen sind überwiegend in der Kultur verankert und somit einem Kollektiv gemein. Allerdings können auch in jedem Menschen einzigartige Emotionen hervorgerufen werden, wie Kindheitserinnerungen oder bestimmte traumatische Erlebnisse. Wenn in einer solch einprägenden Situation eine bestimmte Typografie vorhanden war, werden Emotionen in uns wach, sobald wir diese Typografie wieder sehen.

Sarah Hyndman ist der Meinung, dass die Begegnung mit der Typografie nur selten in einem völlig neutralen Kontext erfolgt. Die alltägliche Leseerfahrung ist in der Regel voller Impulse verschiedensten Ursprungs. Darüber hinaus bekräftigt Hyndman, dass «die Fähigkeit zur Aufnahme von Informationen über verschiedene Sinne die Reaktionsschnelligkeit bei der Beurteilung von Situationen und der daraus folgenden Handlungen verbessert». Auch das hängt mit dem Überlebensinstinkt zusammen. Sarah Hyndman «sind unsere wichtigsten Erinnerungen multisensorisch», daher wecken Assoziationen, die wir mit der Typografie in solchen Situationen herstellen, unsere stärksten Gefühle und Empfindungen.

Unsere menschliche Empfindsamkeit in Kombination mit der unserer Alphabetisierung hat zur Folge, dass die Typografie uns stets in größerem oder geringerem Maße berührt. Wir sind Teil einer spezifischen kulturellen Umgebung und können uns sogar mit einer konkreten Schriftart identifizieren. Wir sind in der Lage, mehr subtile Eigenschaften der Typografie wahrnehmen, als wir vielleicht meinen. Dazu müssen wir dazu lediglich unsere typografische Umgebung genauer betrachten. Es ist ganz leicht. Unsere Umwelt ist wie ein großes Buch.

Mitwirkende

Sesma

Manuel Sesma

Autor des Artikels “Typografie lässt sich spüren”.
Sesma ist Doktor der Kunst, Autor des Buchs “Tipografismo” und Professor für Design an der Universität “Complutense” in Madrid.

Hyndman

Sarah Hyndman

Inspirationsquelle des Artikels “Typografie lässt sich spüren”.
Grafikdesignerin und Erzieherin. Analysiert die Beziehung zwischen Psychologie und Typografie.
Hat kürzlich The Type Taste: How fonts influence you veröffentlicht.

Besonderer Dank

Robbie de Villiers von Chatype (Chattanooga), Mechteld van Wezel von Eindhoven365 (Eindhofen), Anton Gårdsäter von Essen International (Stockholm), Louise Malfait von Base Design (Brüssel), Agentur Leo Burnett (Lissabon), Alessio Leonardi von alessio.de (Berlin) und Pablo Gámez von Chulotype (Madrid).