Wo sind die Grafikdesignerinnen?

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Über die Unterrepräsentation von Frauen im Grafikdesign und Arbeiten, die mit sorgfältiger Gestaltung mehr Aufmerksamkeit für Grafikdesignerinnen kreieren.

Bis vor wenigen Jahren wurde Chancengleichheit im Grafikdesign nur zurückhaltend thematisiert. Formal schien die Designbranche emanzipiert, Gleichberechtigung längst verwirklicht. Jedoch scheint es widersprüchlich, dass im Design, einer Disziplin, die von Innovation und Trends geprägt ist, die technologische Grenzen überwindet, geschlechtliche und soziale Ungerechtigkeit noch nicht bewältigt sind. Design kommt mit Selbstverwirklichung und möglicher Eigenständigkeit dem Inbegriff einer zukunftsorientierten Berufsbranche nahe, doch scheitern selbst internationale, renommierte Wettbewerbe daran, ihre Jurys mit Gestalterinnen zu besetzen.

Im Gegensatz zur Tech-Branche, in der von Ausbildung bis hin zu Führungspositionen weitaus weniger Frauen als Männer vertreten sind, wird das Ungleichgewicht im Grafikdesign oft erst nach der Ausbildung deutlich. Richtet man seinen Blick in Seminarräume und Workshops an Gestaltungshochschulen, sind diese in gleichen Anteilen von Studentinnen und Studenten besucht. Diese werden jedoch zum überwiegenden Teil von männlichen Lehrenden ausgebildet.

Dem Gleichgewicht unter Studierenden folgt ein Ungleichgewicht am Arbeitsplatz, mit dem Alter steigt das geschlechtsspezifische Lohngefälle zwischen den Geschlechtern. Männliche Grafikdesigner dominieren das obere Feld, während Frauen die Minderheit unter den Grafikdesign-Direktoren bilden. Frauen und Männer sind in etwa gleich großen Teilen im Grafikdesign vertreten. Hingegen sind laut einer Studie der Mitbegründerin der 3% Conference, Kat Gordon, nur elf Prozent aller Design-Direktorinnen weiblich.

Weibliche Gestalterinnen sind trotz erstklassiger Arbeiten im zeitgenössischen Grafikdesign, aber auch in der Designgeschichte, weniger sichtbar als ihre männlichen Kollegen. Projekte von Designerinnen, die sich speziell mit dem Potenzial von Gestalterinnen auseinandersetzen, gibt es in großer Zahl. Selbstinitiierte Projekte, die der Sichtbarkeit von Frauen in der Gestaltung gewidmet werden, und Wege, das Problem der Unterrepräsentation kreativ zu lösen, stehen im Fokus dieser Arbeiten.

Zu diesen Projekten gehören die Arbeiten von Guerrilla Girls; das 1985 gegründete Kollektiv ist preisgekrönt und will auf den Ausschluss von Frauen und Nichtweißen in der Kunstbranche aufmerksam machen. Die anonym agierende Gruppe produziert grafische Plakate, Aufkleber und Bücher. Mit minimalistischer Gestaltung, schwarzer Typografie und selbstbewusst eingesetztem Weißraum machen sie auf das Ungleichgewicht aufmerksam. Heute arbeiten sie inhaltlich mit satirischen Sprüchen und farbigen Drucken. Ihre Protestkunst beeinflusste den künstlerischen Zugang zum politischen Grafikdesign und die Gestaltung von modernen Protest-Schildern, wie denen auf dem weltweiten Womens March 2017.

Guerrilla Girls, Do women have to be naked to get into the Met. Museum?, 2012 Copyright © Guerrilla Girls, courtesy guerrillagirls.com

Feministische Bewegungen wie die Guerrilla Girls gibt es auch von Grafikdesignerinnen. Das Projekt WD+RU wurde Mitte der 90er-Jahre, zu einem Zeitpunkt, als das Grafikdesign starken Veränderungen ausgesetzt war, von Teal Triggs und Siân Cook gegründet, WD+RU steht für The Women’s Design + Research Unit. Indem sie Projekte von Grafikdesignerinnen präsentierten, die sich mit den damals neuen Technologien beschäftigten, wollen WD + RU traditionell männliche Machtstrukturen im Design durchbrechen und Frauen motivieren, ihre Arbeit auch international auszuüben. Der Blog präsentiert heute Arbeiten von Grafikdesignerinnen. Die Gründerinnen des Projektes entwarfen in dessen Rahmen auch die Schriftart Pussy Galore. Triggs und Cook sehen sich als Bildungsaktivistinnen und wollen eine Plattform zur Verfügung stellen, auf der Grafikdesignerinnen zum Diskurs beitragen können.

Pussy Galore Schrift und Poster von WD+RU

Eine Publikation, die sich mit der Unterrepräsentation von Grafikdesignerinnen beschäftigt, ist das Buch Women in Graphic Design 1890-2012. Die im Jovis Verlag erschienene 600-seitige Publikation wurde von Gerda Breuer und Julia Meer editiert und herausgegeben. Im Buch befinden sich mehrere Interviews und Artikel von Designerinnen, unter anderem von Ellen Lupton und Paula Scher. Das zweisprachig verfasste Buch präsentiert Arbeiten von Frauen im Grafikdesign, die zwischen 1890 und 2012 veröffentlicht wurden, und gibt zusammen mit Interviews und Gastbeiträgen einen Überblick über die Geschichte der Frauen im Grafikdesign.

Women in Graphic Design 1890–2012, Gerda Breuer und Julia Meer, Bergische Universität Wuppertal (eds.)

Jessica Walshs Langzeitprojekt Ladies Wine & Design setzt ihre Idee in Veranstaltungen um. Während des Projektes 12 Kinds of Kindness rief sie Ladies, Wine & Design ins Leben. Walsh wusste sich die Vorteile des Internets zunutze zu machen: Das Projekt startete online mit einem Aufruf für mehr Chancengleichheit und wurde durch Social-Media-Kanäle verbreitet. Heute werden in über 200 Städten weltweit regelmäßige Abende veranstaltet. Bei diesen kostenlosen Events finden Gespräche und Portfolio-Sichtungen statt, Kontakte zu Mentorinnen können geknüpft werden. Auf den Social-Media-Accounts des Projektes werden weiterhin Bilder zum Thema verbreitet, die dazu beitragen, dass es offen diskutiert wird und sichtbar bleibt.

Ladies Wine & Design, 2016

Es ist eine besondere Zeit, für Frauen im Grafikdesign. Obwohl viele Bereiche noch nicht in gleichen Teilen von Frauen und Männern vertreten werden, wird auf diese geschlechtsspezifische Lücke mit viel Arbeit und durch Projekte wie Walshs Ladies Wine & Design aufmerksam gemacht. Die Unterrepräsentation von weiblichen Design-Vorbildern führt zu einem verminderten Interesse an der Karriere als Grafikdesignerin. So ist es gut, dass auch Studentinnen und Junior-Designerinnen durch kostenlose Projekte unterstützt werden.

Weitere Projekten, die der Förderung von Frauen im Grafikdesign gewidmet sind:

Hall of Femmes hebt die Errungenschaften von Frauen in Design und Art-Direktion hervor. Teil des Projektes sind Events, Ausstellungen, Interviews und eine Publikationsreihe sowie die Konferenz Design Talks.

she-form bietet Frauen in der Kreativbranche freies Mentoring und Veranstaltungen an. Auf der Seite werden regelmäßig Interviews veröffentlicht.

wogd ist ein Projekt, das sich darauf konzentriert, die Beiträge von Frauen im Grafikdesign auf ihrem Blog zu veröffentlichen.

alphabettes listet Schriftarten von Typografinnen auf.

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