4 Druckfehler, die zu kreativen Trends wurden

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Auch wenn der Bereich des Drucks vom Grafikdesign getrennt ist, so weckt er doch große Neugier bei vielen Designern, die gern einige Techniken erlernen würden, um sie kreativ umsetzen zu können. Die Möglichkeiten des Drucks liegen jedoch nicht nur bei Reproduktionen, die so anspruchsvoll und präzise wie möglich sein sollten. Auch formale Fehler können ein großes Experimentierfeld sein, wie die Beispiele, die wir Ihnen geben möchten, zeigen.

 „Durch Fehler lernt man“ – dank Imperfektionen im Druckbild konnten neue Qualitäten im Bereich des Drucks erforscht und Lösungen vorgeschlagen werden, die über die technischen Standards hinausgehen. Durch diese Fehler kommen auch Grafikdesigner mit dem technischen Bereich des Drucks in Berührung und definieren diesen neu.

Einige traditionelle „Mängel“ im Druck werden bewusst kreativ eingesetzt und zeigen den Prozess auf, der dahinter steht.

Halbtonraster

Der Einsatz eines Druckrasters ist ein Verfahren zur Vorbereitung von fotografischen Aufnahmen für den Druck, das sich Punkte mit variablen Größen und Positionierungen zu Nutze macht, um Tonabstufungen umzusetzen. 

Diese Technik basiert auf einer optischen Illusion, denn die kleinen Rasterpunkte werden vom menschlichen Auge als einheitliche Töne und Schattierungen wahrgenommen. Die Farbe wird hingegen produziert, indem mehrere Raster mit einem Winkelversatz übereinandergedruckt werden (typischerweise vier gemäß dem CMYK-Modell).

Damit die optische Illusion funktioniert, ist es notwendig, dass die kleinen Punkte klein genug sind, um sie nicht als einzelne Punkte wahrzunehmen. In der Vergangenheit war das mit bloßem Auge sichtbare Raster oft gleichbedeutend mit einem minderwertigen Druck, der mit beschränkten Mitteln ausgeführt wurde.

Schon ab dem Ende der 1920er-Jahre begann Herbert Bayer damit, die Möglichkeiten der Raster zu untersuchen, indem er sie übereinanderlagerte, um einen Moiré-Effekt zu kreieren, oder indem er sie vergrößerte. Mit der Einführung des fotomechanischen Drucks konnte man jedoch mit den Rastern richtig experimentieren. Zu den großen Meistern der Grafik, die sich behaupten konnten, zählt Wolfgang Weingart. Der Offset-Lithographiedruck faszinierte ihn und weckte seine Neugier; in jedem Aspekt wollte er ihn kontrollieren können. Weingart definierte den „Punkt eines fotomechanischen Rasters“ als „das Unsichtbare, und doch Essenzielle, als konstruktive Einheit eines Gesamtprozesses“. Die Verwendung von fotomechanischen Filmen ermöglichte es ihm, Typographie und Bilder zu manipulieren, indem er sie verzerrte und durch das Vergrößern und Übereinanderlagern von Rastern weiter veränderte. Die daraus entstandenen grafischen Arbeiten waren extrem innovativ und haben in der Welt der Grafik neue Wege geebnet.

Ein weiteres interessantes Verwendungsbeispiel von Halbtonrastern findet man in der Zeitschrift Retromundo, die 1986 von Álvaro Sotillo ins Leben gerufen wurde.

Überdrucken

Wenn beim Druck zwei verschiedenfarbige Volltonobjekte übereinanderliegen, bildet das oben liegende Objekt im Allgemeinen beim darunter liegenden eine Aussparung. Diese Objekte werden anschließend auf Druckplatten reproduziert und sequentiell so gedruckt, dass sich die gemeinsamen Ränder berühren, ohne dass sich dabei die Druckfarben überlagern. Von Überdrucken spricht man hingegen, wenn übereinander liegende Objekte ihre Form behalten, übereinander gedruckt werden und durch die Mischung eine dritte Farbe entsteht. Im Gegensatz zu beispielsweise Ölfarben bei der Malerei sind Druckfarben im Allgemeinen sehr transparent und ihre Übereinanderlagerung ist gleich evident.

Zu Beginn wurde das Überdrucken als ein technischer Fehler im Druckprozess gesehen, als ein Nachteil, der das Verfahren dahinter offenbart und die Aussage der Grafik verändert. Ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen einige Designer jedoch, in diesem besonderen Effekt etwas Interessantes zu entdecken. Eine wichtige Rolle spielten ab Beginn der 20er- bis 30er-Jahre die Holländer Piet Zwart und Paul Schuitema, welche die Typographie mit ihrer Herangehensweise, die durch formale Klarheit geprägt und gleichzeitig äußerst experimentierfreudig war, revolutionierten, vor allem was die technischen Mittel betraf. In ihren Arbeiten überlagern sich oft Blöcke und Bilder unterschiedlicher Farben, wodurch mehrere Ebenen entstanden.

Ab den 50er-Jahren wurde, auch dank der Arbeiten von Max Huber, in denen sich Fotografien, Farben, Zeichen und Typographie oft überlagerten, das Überdrucken ein Mittel, das von den Werbegrafikern oft eingesetzt wurde.

Passerfehler

Wenn man ein Bild oder eine Grafik mit mehr als einer Farbe druckt, muss man nacheinander jede Farbe einzeln drucken und sie exakt übereinanderpassen bzw. sicherstellen, dass jede Farbe wie gewünscht in genau derselben Position aufgedruckt wird. Bei einer Verschiebung des Druckbildes von auch nur einem halben Millimeter ist dies sofort mit bloßem Auge sichtbar, denn die Farbränder vermischen sich und bilden einen dunklen Rand oder sie berühren sich nicht und lassen einen weißen Rand.

Das lagegenaue Einstellen von Bildern und Texten war für lange Zeit für Drucker und Techniker ein Grund zu Besorgnis. Obwohl heutzutage Softwares und technische Mittel ermöglichen, dass perfekt ausgerichtete Farben viel einfacher gedruckt werden können, kann es bei in Großproduktion entstehenden Produkten noch immer zu Passerfehlern kommen.

Obwohl Passerfehler eigentlich als qualitätsmindernd gelten, wurden sie von einigen Designern als ein kreatives Mittel gesehen. Schon in den 60er-Jahren verwendete die Designerin Muriel Cooper, die zum Großteil ihrer beruflichen Laufbahn am MIT arbeitete und sich stark in der Nutzung der neuen Technologien im Design und beim Experimentieren mit dem Druck engagierte, in mehreren Projekten absichtlich Passerfehler, um ihnen Bewegung und Ausdrucksstärke zu verleihen, wie beispielsweise auf dem Buchcover der Veröffentlichung Bauhaus (1969). Berühmt ist auch das Poster Your Turn, My Turn von April Greiman (1983), das dank eines Passerfehlers einen 3D-Effekt erzielt.

Zu einem aktuelleren Projekt zählt Just in Time, bei dem der Künstler Xavier Antin ein Buch mit vier Druckern produzierte (jeweils einen pro Farbe), die aus den Jahren 1880 bis 1976 datierten. Das Ergebnis zeigt Drucke, die sich durch besondere Farbverschiebungen und Bewegungen auszeichnen und gibt einen Einblick in den dahinterstehenden Produktionsprozess, der verschiedene Epochen, Technologien und Techniken vereint.

Druckmarken

Beim Druck gibt es verschiedene konventionelle Marken, die gemeinhin an den Rändern des Druckbereiches positioniert werden, um eine fehlerfreie Reproduktion zu gewährleisten. Die meistverwendeten sind die Anschnittmarke, die den Schnittbereich markiert, und die Passermarke, welche bei der richtigen Ausrichtung der Inhalte hilft. Daneben sieht man auch oft Farbkontrollstreifen, die zur Überprüfung der Farbdichte dienen. Um den eigentlich zu druckenden Bereich herum können sich noch weitere Marken befinden, die nach dem Ende der Produktionsphase wieder verschwinden.

Diese Marken geben nicht nur Grafikern und Druckern tagtäglich wichtige Informationen, sondern üben auch einen gewissen Reiz auf Designer aus, die sie sich manchmal für einen ganz neuen Kontext zu Eigen machen. Allen voran Fanette Mellier und ihr Poster Specimen, das wie eine wunderbare Hommage an die Ikonografie des Druckwesens interpretiert werden kann. Das Poster wirbt für eine Ausstellungsreihe zum Editorial Design in Chaumont und ist vollständig mit Druckmarken bedeckt, die Informationen zu Technik und Farbe geben und auf den eigenen Produktionsprozess verweisen. Ein Knick zeigt den auf der Rückseite aufgedruckten Text.

Die Faszination für Druckmarken war auch Gegenstand des Workshops Extended Registration Marks an der ECAL, der von NORM (Dimitri Bruni, Manuel Krebs) gehalten wurde und den Studierenden die Möglichkeit gab, durch das Kombinieren von Zeichen und Farben Registermarken als Sprache der Grafik zu untersuchen und zu erweitern.

Fanette Mellier, Specimen, 2009.
Fanette Mellier, Specimen, 2009.

 

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