Druckplanung

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Beim Grafikdesign ist der Druck der letzte Schritt im Projektablauf: Nach getaner Designarbeit werden Bilder und Texte so entwurfsgetreu und genau wie möglich reproduziert. Es gibt jedoch Designer, für die Druck und Produktion fester Bestandteil des Projekts sind. In diesem Fall erfordert der Druck ähnlich viel Erfahrung und Planung wie Konzeption und Layoutentwicklung.

Nachfolgend stellen wir Ihnen 7 ganz unterschiedliche Grafikprojekte vor, die eines gemeinsam haben: Bei allen war der Druck (ob analog, digital oder – was häufig vorkommt – eine Kombination aus beiden Techniken) ein aktives und prägendes Element des Projekts. Nicht einfach quasi notwendiges Übel zum Abschluss, sondern fester Bestandteil des kreativen Prozesses. Aus einem Geflecht von Materialien, Entwicklungsstufen und Variablen entstehen innovative Lösungen, die die von Software und Standards vorgegebenen Grenzen überwinden.

1. Alexis Rom Estudio ­­­– Atelier Vostok, Get up printing kit, 2007. Spanien/Italien

Alexis Rom Estudio – Atelier Vostok ist eine Ideenschmiede, eine Werkstatt für Grafikexperimente und Kommunikationsdesign mit Sitz in Barcelona und Mailand. Das Atelier versteht sich als Kreativstudio, das mit grafischen Sprachen, Techniken und Prozessen spielt. Ein perfektes Beispiel für diese Methode ist das Projekt „Get Up Printing Kit“. Bei diesem Corporate Image-Auftrag für einen Friseursalon erhielt der Kunde einen Do-it-yourself-Baukasten. Das Set besteht aus einer Reihe von Stempeln mit unterschiedlichen Frisuren und Gesichtern, die sich auf vielfältige Weise kombinieren lassen. Die Designer fertigten den Baukasten in Handarbeit mit Hilfe einer alten Photopolymermaschine und montierten das Ergebnis auf Balsaholz. Der Kunde sollte völlig frei ein individuelles Firmenimage entwickeln können. Mag das CI auch wie ein Spiel anmuten, so erzielt es doch ein absolut erfolgreiches Ergebnis.

2. Raw Color, Keukenconfessies, 2010. Niederlande

Für die holländischen Food Designer Keukenconfessies, eine umweltbewusste Cateringfirma, die großen Wert auf die Präsentation der eigenen Produkte legt, entwickelte das niederländische Grafikstudio Raw Color eine visuelle Identität, die auf dem gleichen Prinzip wie das „Get Up Printing Kit“ beruht: Eine Vielzahl von Icons, deren Motive auf Lebensmitteln und Küchenutensilien basieren, lassen sich mischen und übereinander legen, sodass zahllose Kombinationen entstehen. Die erste Ebene jedes Produkts wurde im Offsetdruck erstellt, für alle weiteren Ebenen wurden Stempel angefertigt, mit denen der Kunde jedes Produkt individuell gestalten kann. Die verschiedenen Kombinationen sind eine Anspielung auf den Kochvorgang, bei dem Farben und Geschmacksnoten gemixt werden.

3. Onlab, Galerie C, 2011–2014. Schweiz

Von 2011 bis 2014 entwarf das Schweizer Grafikstudio Onlab für die Ausstellungen der Kunstgalerie Galerie C. Plakate, die sich die Möglichkeiten des Siebdrucks zunutze machten, mehrere Schichten übereinander zu drucken. Auf einem Poster waren alle Informationen für die verschiedenen Ausstellungen einer Saison enthalten: Diese Angaben wurden jeweils überdruckt, sodass nur jene der aktuellen Schau sichtbar blieben. Für jede neue Auflage schlugen die Designer andere Farben, Layouts und Druckmodalitäten vor, blieben ihrem Grundkonzept aber immer treu.

4. Automatico Studio, Lausanne Underground Film & Music Festival (LUFF), 2013. Schweiz

2013 zeichnete die Automatico Studio für die visuelle Kommunikation des Lausanne Underground Film & Music Festival (LUFF) verantwortlich, ein Event, der Originalität und Exzentrizität in der Musik und im Film feiert. Eigens für dieses Projekt entwickelten die Kreativen eine neue Drucktechnik. Passend zum Thema der damaligen Festival-Auflage – „Zufall” – wurde das Werbematerial mit Hilfe eines optischen Effekts verändert: Durch den Eingriff in den Druckprozess wurden Informationen rein zufällig sichtbar oder überdeckt. Das Ergebnis aus zufälligem Fehler und Zensur resultierte in einer Technik, der der Designer den Namen WROP (water random offset printing) gab: Mit Hilfe von Wasser wird der Offsetdruck-Prozess direkt beeinflusst, wodurch unvorhergesehene und einmalige Zeichen entstehen. Der analoge technische Vorgang interagiert mit der Mechanik der Druckmaschine und verändert die normalen Abstoßungseffekte von Farbe und Wasser.

5. Music Agency, The Event Sculpture, 2014. Vereinigtes Königreich

Für die von der Henry Moor Foundation organisierte Ausstellung The Event Sculpture, bei der neun Künstler neun Performances zeigten, entwickelte die Agentur Music Agency die visuelle Identität und machte aus jedem Produkt ein Einzelstück. Die Grafiken wurden negativ gedruckt, in Weiß; als Druckmaterial dienten alte Plakate, die in der Druckerei noch vorhanden waren: Auf diese Weise waren Farben und Material jedes Posters und jeder Broschüre einzigartig. Der kreative Schaffensprozess jedes einzelnen Plakats spiegelte so den Charakter der Ausstellung selbst wider: Sie umfasste eine Reihe einmaliger Events, Momentaufnahmen, die jeder Besucher anders erlebte.

6. A2-Type, Chalk Studios & New North Press, A23D, 2014. Vereinigtes Königsreich

A23D ist eine Schriftart aus beweglichen Lettern, die mit einem 3D-Drucker gefertigt wurden. Auftraggeber war der Grafikdesigner Richard Ardagh, der zudem Partner von New North Press ist, eine Londoner Druck- und Designagentur, die sich ganz der Letterpress-Technik verschrieben hat. Der Wunsch Ardaghs, traditionelle und innovative Drucktechniken miteinander zu verbinden, führte zur Entstehung dieses Fonts, der vom Typographiestudio A2-Type entworfen und von den Prototyping-Spezialisten von Chalk Studios realisiert wurde. Verschiedene Probleme galt es im Lauf des Projekts zu lösen, wie Strichbreite, Materialien und Druckverfahren. So musste das Material dem hohen Druck der Presse standhalten können, gleichzeitig aber auch feinste Details drucken. Nach etlichen Versuchen wurde der finale Schriftsatz im „Polyjet“-Verfahren gedruckt, bei dem flüssige Photopolymere zum Einsatz kommen.

7. Irma Boom, Chanel No. 5, 2007. Niederlande

Als Chanel der renommierten Buchdesignerin Irma Boom, die für ihre außergewöhnlichen Ideen und ihre sorgfältige Materialauswahl geschätzt wird, den Auftrag erteilte, ein Buch über den Duft-Klassiker Chanel No 5 zu gestalten, schuf die Niederländerin ein unvergleichliches Werk. Der gesamte Band wurde ohne einen Hauch von Farbe „gedruckt“; zunächst wurde jede Seite auf eine Aluminiumplatte gedruckt und anschließend mit einer alten Letterpress-Maschine auf Papier gepresst. Die Absicht dahinter: Zu zeigen, dass der Duft unsichtbar ist und gleichzeitig doch voller Intensität.

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