Die Handmade-Ästhetik

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Der Handmade-Trend ist heute mehr denn je in nahezu allen kreativen Bereichen präsent: von Objekten und Räumen bis hin zur Grafik. Manuell erstelltes Lettering, Kunsthandwerk und Scrapbooking sind nur einige Bereiche, in denen diese Tendenz zunimmt, die darauf abzielt, unserer technologischen und industriellen Welt etwas mehr Wärme und Menschlichkeit zu verleihen. Es ist jedoch wichtig, dass die Kreativbranche den Handmade-Effekt sinnvoll einsetzt (bzw. simuliert), um nicht in die Falle des Klischees einer inhalts- und funktionsleeren Ästhetik zu tappen.

Was versteht man unter der Stilart Handmade?

Als Handmade-Ästhetik bezeichnet man eine Reihe ästhetischer Attribute eines Objekts, die diesem den Anschein geben, mit kunsthandwerklichen Mitteln erstellt oder bearbeitet worden zu sein. Zu diesen Attributen gehören: ein unregelmäßiges oder nicht ganz perfektes Erscheinungsbild, eine Textur im „Used“-Look, mit der das Material bzw. die Dekoration an Zeiten erinnert, in denen die Handarbeit üblich war. Die manuelle Bemalung oder Beschriftung, das Restaurieren von Antiquitäten sowie von Hand bearbeitete Materialien wie Holz oder Keramik sind einige der Merkmale dieses Ästhetiktrends.

Möglicherweise ist die Handmade-Ästhetik derzeit so beliebt, weil sie eine Reaktion auf die industrielle, technologische und gleichförmige Ästhetik, die unser visuelles Panorama seit Ende des letzten Jahrhunderts dominiert hat, zu sein scheint. Der technologische Fortschritt hatte großen Einfluss auf das Erscheinungsbild der Objekte, die uns umgeben: Bis heute werden Objekte, Räume und Designs bevorzugt, die eine funktionale, futuristische, aseptische, helle und offene Ästhetik aufweisen, da sie als Ausdruck von Modernität gelten. Wenn ein Stil jedoch zu dominierend wird, entwickelt sich häufig eine gegenteilige Reaktion in Form einer neuen Tendenz.

Anstelle der geometrischen Schlichtheit und rationalen Gleichförmigkeit, die lange in den Bereichen Produktdesign, Innenarchitektur und Grafikdesign vorherrschten, sind nun Designs oder Konzepte zu finden, in denen die Unvollkommenheit der Handarbeit hervorgehoben wird: Wenn noch vor ein paar Jahren die allgemeine Tendenz des Verbrauchers darin lag, möglichst hochwertige und elegante Produkte zu finden, so liegen jetzt Produkte im Trend, die den Anschein haben, von Hand hergestellt worden zu sein, da sie dem Verbraucher ein Gefühl von Wärme oder Nähe vermitteln. Im Endeffekt geht es darum, dem häufig kalt anmutenden industriellen Design menschliche Wärme entgegenzusetzen.

Der Handmade-Stil im Grafikbereich

Im Grafikbereich sind verschiedene Formen von Handarbeit zu finden, wie z. B. die Kalligrafie, die manuelle Beschriftung, der Siebdruck und die analoge Fotografie. Dabei werden Bilder, Techniken und Materialien verwendet, die an vergangene Zeiten erinnern (und so einen emotionalen Effekt erzielen) und eine auffällige Ästhetik schaffen (eine Modeerscheinung entsteht). Diese Form von Handarbeit muss jedoch von Spezialisten ausgeführt werden und eignet sich nicht unbedingt für Kommunikationsprojekte, bei denen enge Fristen und Budgets gelten. Daher hat sich eine Tendenz entwickelt, die den Effekt von Handarbeit mittels digitaler und industrieller Techniken simuliert. So gibt es beispielsweise digitale Typografien, die die manuelle Kalligrafie simulieren oder Vektordesigns, die digital oder offset gedruckt werden und in denen die Textur von Siebdruck, Holz oder Metall imitiert wird.

Oberflächliche Modeerscheinung oder kreative Philosophie?

Wie alle beliebten Ästhetik-Trends ist auch der Handmade-Stil bereits der Übersättigung und Degeneration zum Opfer gefallen. Häufig findet man Designs mit unleserlichen Typografien und inkorrekten Ausführungen. Dem breiten Publikum fällt dies möglicherweise nicht auf, doch einem kritischen Blick entgeht nicht, wenn das kreative und kommunikative Ziel verfehlt wurde. Die Vielfalt dieser Branche ist selbstverständlich in vielerlei Hinsicht ein Vorteil, ebenso wie die Tatsache, zahlreiche Ästhetikoptionen zur Auswahl zu haben. Sogar Imitationen und Simulationen können von großem Nutzen sein, vorausgesetzt, sie werden in vernünftigem Maße eingesetzt. Es liegt in der Verantwortung der Branchenexperten, für jedes Projekt das passende Design zu erarbeiten und dabei nicht oberflächlichen und inhaltsleeren Modeerscheinungen zu verfallen.

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