Ein Rundgang durch die Tipoteca, das Museum der italienischen Typografie

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In der Mitte des 20. Jahrhunderts traf jemand die Entscheidung, auf den unaufhaltsamen Einbruch der Digitalisierung zu reagieren, indem er Gussformen, Buchstaben, Stempel und Druckmaschinen aufkaufte, die von Druckereien in ganz Italien Hals über Kopf aufgegeben wurden. Diese Person beschloss, alle Stücke in einer Museumsstiftung zu sammeln und ihnen dadurch ein neues Leben und ein neues Zuhause zu schenken. Das ist die Geschichte der Tipoteca Italiana, einem einzigartigen Museum, das sich ausschließlich dem Druck und Druckdesign widmet.

Wir befinden uns in Cornuda, einer italienischen Kleinstadt in der Provinz Treviso in Venetien, ganz in der Nähe des Flusses Piave, der die Grenze zwischen der Ebene und den Bergen bildet. Diese Geschichte beginnt mit der Familie Antiga, Eigentümer einer Druckerei, die einst ihren Sitz in der alten Hanfspinnerei hatte, die heute die Tipoteca beherbergt. Diese Familie hatte die bedeutungsvolle Eingebung, das Verschwinden einer ganzen Welt zu verhindern – nämlich der Welt des traditionellen Drucks – die durch technische Erfindungen und Fortschritt, grafische Ideen, glorreiche Unternehmer und geniale Designer erschaffen worden war.

Was dabei herauskam, ist alles andere als nostalgisch: Die im Museum aufgestellten Maschinen sind voll funktionsfähig und werden noch heute für den Druck von Kunstbüchern und anderen Produkten verwendet (im Museumsshop zu erwerben), während Designer aus aller Welt die Tipoteca besuchen, um die Druckkunst in Workshops, Seminaren und Kursen zu erlernen. „Es scheint so, als würde es geradezu ein physisches Bedürfnis geben, sich der grafischen Handfertigkeit wieder anzunähern“, erzählt uns Sandro Berra, Experte für Druckgeschichte und Koordinator der Tipoteca. „Das Bedürfnis, sich mit etwas Greifbarem, Sensorischem zu messen. Der Druck und das Druckdesign erhalten somit für professionelle Grafiker eine völlig neue Bedeutung: Sie bilden eine Welt, die immer noch voller wiederverwertbarer Ideen für neue Projekte steckt, aber auch einen Raum in dem sich das Auge und der Blick der Grafiker austoben können.“

Der Saal mit den Maschinen und Buchstabenarchiven. Foto von Giulio Favotto / otium

Etwa zehntausend Besucher entdecken jährlich die Welt des Drucks in der Tipoteca neu – darunter Studenten, Grafiker und Designer, Fans der Technologiegeschichte oder einfach Neugierige.

Wir haben beschlossen, Ihnen gemeinsam mit Sandro Berra einige der unzähligen Geschichten zu erzählen, die in der Tipoteca in ihren vielfältigen Funktionen als Museum, Archiv, Bibliothek, Druckerei, Galerie und Auditorium erhalten und weitererzählt werden. Hier entdecken Sie also die Geschichte einer Schriftart („Triennale“), einer Technologie (Flachform-Zylinderpresse „Optima“) und eines Unternehmens (Gießerei „Nebiolo“).

Eine Schriftart: Triennale – sehr schmal und sehr breit

Werbung für die Schriftart „Triennale“, 1934. Archiv der Tipoteca

Triennale ist der Name eines modernistischen Buchstabensatzes, den Guido Modiano (1899–1943) für die Gießerei „Reggiani“ im Jahre 1933 designte, um der V Triennale zu huldigen, bei der der neue Sitz des „Palazzo dell’Arte“ von Mailand eingeweiht wurde – ein Ort, der zum Tempel der Architektur und des italienischen Designs werden sollte. In verschiedenen Größen (12, 18, 24, 36, 48, 60) und später auch im Fettdruck gegossen, wurde Triennale hauptsächlich für den Werbedruck, aber auch für Reliefschriften an Wänden verwendet.

Einige Sätze der Triennale sind im Schriftenarchiv der Tipoteca erhalten, die Zeichen aus Blei und Holz umfassen. Eine kleine Vorschau finden Sie auf der Webseite des Museums.

 

 

Eine Technologie: Optima, die robuste und präzise Flachform-Zylinderpresse

Die Optima von 1914, in der Tipoteca erhalten und heute noch verwendet. Foto von Giulio Favotto / otium

Optima ist der Handelsname einer Flachform-Zylinderpresse, eine Druckmaschine, die seit 1908 von Nebiolo, der wichtigsten Druckerei Italiens des letzten Jahrhunderts, hergestellt wurde. Die Optima ist eine robuste und präzise Druckmaschine, die hohe Druckqualität ermöglicht, etwa 1.500 Exemplare pro Stunde druckt und die Möglichkeit bietet, je nach Anforderung des Druckformats zwischen verschiedenen Modellen auszuwählen. So bietet die Maschine ganz unproblematisch Platz für Blätter mit den Maßen 50 x 70 cm, 70 x 100 cm, 80 x 115 cm und 90 x 130 cm, die manuell einzulegen sind.

Die Tipoteca beherbergt eine Optima, die 1914 in Turin hergestellt wurde und aus der historischen Druckerei „Ghibaudo“ aus Cuneo stammt. Die im Hauptsaal aufgestellte Druckmaschine wird, genau wie alle anderen in der Tipoteca erhaltenen Maschinen, noch heute für den Kunstbuchdruck verwendet.

Ein Unternehmen: die ruhmreiche Druckerei „Nebiolo“ in Turin

Eine der wichtigsten in der Tipoteca erzählten Geschichten ist zweifellos die der historischen Gießerei „Nebiolo“ von Turin.

Im Jahre 1878 übernahm Giovanni Nebiolo eine kleine Schriftgießerei und genau hier beginnt das unternehmerische Abenteuer des wichtigsten Druckereibetriebs Italiens. Offiziell entsteht die Nebiolo & Comp. in Turin zwei Jahre später, im Jahre 1880. 1888 wird das Unternehmen nach dem Zugang neuer Teilhaber erweitert; jetzt produziert es nicht mehr nur Schriften, sondern auch Druckmaschinen. Die ersten Maschinen, die das Werk von Nebiolo verließen, waren auf die Anforderungen der kleinen, in ganz Italien verteilten Druckereien ausgerichtet. Anfang des 20. Jahrhunderts begann Nebiolo dann die Planung größerer Maschinen, die auch einem wachsenden Sektor wie dem Zeitungsdruck gewachsen waren. Auch der „Corriere della Sera“, eine der einflussreichsten italienischen Tageszeitungen, vertraute auf die Maschinen von Nebiolo.

Diese und weitere Geschichten der faszinierenden Welt der italienischen Typografie erzählen die Maschinen, Dokumente, Bücher und Druckerzeugnisse, die in der Tipoteca aufbewahrt werden. Wir empfehlen Ihnen einen Besuch in diesem einzigartigen Museum!

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