Von der umstrittenen Kunst, die Vergangenheit zu kolorieren

Sehen Sie sich an, wie dem Foto oben Farben hinzugefügt wurden. Was sehen Sie?

Wurde da der Vergangenheit neues Leben eingehaucht – oder ist es das lästerliche Werk von jemandem, der die Geschichte umschreiben möchte?

Fühlen Sie sich stärker mit vergangenen Zeiten verbunden – oder haben Sie den Eindruck, dass die Farbe von der Situation ablenkt, die das Foto zeigt?

Die vergessene Kunst der Foto-Kolorierung lebt momentan wieder auf, und während einige von der Möglichkeit begeistert sind, Geschichte auf ganz neue Art zu sehen, sind andere nicht gerade erfreut davon, dass Geschichte übergemalt wird.

Die Reaktionen reichen von Abscheu und Empörung – vergleichbar mit dem Gefühl, das jemand empfinden könnte, wenn Michelangelos David mit Lippenstift bemalt würde – bis zu der Ansicht, dass kolorierte Fotos eine direktere, zuverlässige Verbindung mit der Vergangenheit darstellen und eine eigene Kunstgattung bilden.

Die Foto-Kolorierung gibt es schon seit über 175 Jahren – aber sogar in ihrer Blütezeit hatte sie vehemente Gegner ebenso wie leidenschaftliche Befürworter.

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Kunden sich in den Läden drängelten, um Bilder in Farbe zu kaufen, prangerten einige Fotografen an, dass die Kolorierung dem Foto seine Authentizität nahm; sie nannten sie ein talentloses Medium, dem es an Kreativität fehlte und das die Arbeit des ursprünglichen Künstlers unterminierte.

Wenn wir die Kontroverse, die Motivationen und die zugrunde liegende Entwicklung der Foto-Kolorierung wirklich verstehen möchten, müssen wir ihre Vergangenheit betrachten.

Jordan J Lloyd
Vorgestelltes Talent: Jordan J. Lloyd, Dyamichrome.com
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Die ersten Farbkleckse ...

Früher war die Welt schwarz/weiß. Zumindest sah das auf Fotos so aus.

Nicéphore Niépce, Erfinder der Fotografie

Aber von dem Moment an, in dem 1826 das erste Foto von Nicéphore Niépce auf seinem Anwesen in Frankreich aufgenommen wurde, begannen Fotografen, mit Möglichkeiten zu experimentieren, realistische Farben ins Bild zu bringen.

Im Jahr 1839 begann die weite Verbreitung des weltweit ersten öffentlich bekannt gemachten fotografischen Verfahrens, der Daguerreotypie (benannt nach dem französischen Künstler Louis Daguerre).

Im selben Jahr machte sich der Schweizer Maler und Druckgrafiker Johann Baptist Isenring an die Arbeit, die Fotos mit der Hand zu kolorieren. Dabei verwendete er ein Verfahren, bei dem er das Bild auf eine durchsichtige Oberfläche abpauste und so für jede Farbe, die er auftragen wollte, eine eigene Schablone erstellte. Dann streute er eine Mischung aus Gummiarabicum und Pigmenten auf die Daguerreotypie und fixierte sie durch Erhitzen. Seine handkolorierten Daguerrotypien sind die ersten Bilder dieser Art, deren Urheber bekannt ist.

Nur drei Jahre, nachdem Daguerre seine Erfindung der Öffentlichkeit vorstellte, erhielten Benjamin R. Stevens und Lemuel Morse aus Massachusetts das erste US-Patent für ihre Methode der Handkolorierung von Daguerrotypien.

Da Fotos selbst schon außerordentlich teuer waren, wurde der Besitz kolorierter Fotos schnell zu einem Statussymbol, und kolorierte Daguerrotypien waren bei den Menschen begehrt, die reich genug waren, um sie sich zu leisten.

Als Fotografen mit dem Kolorieren von Fotos begannen, war ihr Ziel Realismus – nicht Kunst.

Dennoch brachte die Möglichkeit, den Realismus zu verändern, das Dilemma des Retouchierens und Bearbeitens der ursprünglichen Fotos mit sich. Fotos wurden mit der Hand getönt (es wurde auf das Foto gemalt, ohne es zu verdecken) oder übermalt (sodass das ursprüngliche Foto nicht mehr sichtbar war). Dies wurde auch ähnlich genutzt wie heute Photoshop, um unerwünschte Bildelemente zu entfernen und die Realität zu “verbessern”.

Bis 1850 änderte sich daran wenig – dann begann etwas, was wir als die erste wirkliche Kontroverse der Handkolorierung betrachten können.

Eine „Hillotypie“ eines kolorierten Stichs, von Levi Hill

Der amerikanische Pastor Levi Hill löste Stirnrunzeln aus, als er behauptete, ein Verfahren für das Kolorieren von Fotos erfunden zu haben, das er als „Heliochromie“ bezeichnete. Fotografen waren erzürnt und bezeichneten Hill als Lügner, der seine Fotos mit der Hand einfärbte, aber genug Leute glaubten seinen Ankündigungen, um die Nachfrage nach handkolorierten Fotos deutlich sinken zu lassen, da sie auf dieses neue, einfache Verfahren warten wollten.

Hill spannte die Welt mit seinen Behauptungen auf die Folter, bis er 1856 begann, ein Buch zu verkaufen, das versprach, seine Geheimnisse zu verraten, und zwar für ein Vermögen: 25 $ (was damals unerhört viel war). Es stellte sich heraus, dass die chemischen Aspekte dieses Verfahrens so gefährlich waren, dass es praktisch nicht durchführbar war. Hill wurde als Betrüger abgeschrieben (laut dem Smithsonian vielleicht unverdient), und der Fortschritt ging schwerfällig weiter.

Im Jahr 1861 war das Debüt des Farbfotos.

James Clerk Maxwell, ein schottischer Mathematiker und Physiker, erzeugte das erste stabile Farbfoto ohne Handkolorierung. Es war ein Bild von einem Stoffband im Schottenmuster, oder genauer gesagt drei Bilder, die er auf einem Projektor kombinierte. Auch wenn dieser Schnappschuss, der aus drei Farben (Fotos durch einen roten, einen blauen und einen grünen Filter) zusammengestellt wurde, alles andere als perfekt war, war er das erste Foto, dem die Farbe nicht nachträglich durch menschliche Arbeit hinzugefügt wurde.

Seltsamerweise wurde seine Arbeit schnell vergessen und erst fast 30 Jahre später wieder aufgegriffen.

In der Zwischenzeit wurde das Handkolorieren in Japan sehr beliebt.

Während Maxwell versuchte, die Kolorierung in das eigentliche Fotografieren einzubinden, hatte sich das manuelle Kolorieren von Europa nach Japan verbreitet, wo es zu einer beliebten und respektierten Kunstform wurde.

Yokoyama Matsusaburō

Ein Pionier der Fotografie in Japan, Yokoyama Matsusaburō, baute auf seiner Ausbildung als Maler und Lithograf auf, um shashin abura-e (写真油絵) oder „fotografische Ölgemälde“ zu erschaffen. Sein Verfahren bestand darin, das Trägerpapier des Fotos wegzuschneiden und Pigmente auf die verbleibende Emulsion aufzutragen, mit einem Öl, das dann trocknete.

Die Bilder wurden als ikonische Souvenirs erworben und wurden noch ein Jahrhundert lang produziert.

Mit der Erfindung und Verbreitung der Ferrotypie in den 1860ern begannen Fotos, für die Allgemeinheit erschwinglich zu werden.

Ferrotypien konnten mit vielen unterschiedlichen Methoden koloriert werden: ölbasierten Farben, Farbstiften, Pastellfarben und sogar farbiger Kreide (während es nicht mehr möglich war, Wasserfarben zu verwenden). Handkolorationen kamen hoch in Mode – so sehr, dass Fotografen in den USA sich beeilten, „Kolorierer“ einzustellen, meist Frauen.

Von nun an gab es viele verschiedene Techniken. Als Drucke auf Papier beliebt wurden, entstand das „Portrait mit Farbstiften“. Drucke wurden auf Lebensgröße vergrößert und mit Malkreiden, Pastellfarben, Zeichenkohle oder Buntstiften übermalt. Das Ergebnis ähnelte eher einem modernen Gemälde als einem Foto.

Die Öffentlichkeit liebte kolorierte Fotos und wollte diese Kunst selbst erlernen. So viele Menschen schrieben an Kunst- und Fotografiezeitschriften mit Fragen zur Handkolorierung, dass Art Amateur im Jahr 1879 eine Reihe detaillierter Artikel zu den Werkzeugen, Verfahren und Kniffen dieses Handwerks veröffentlichte.

Das goldene Zeitalter der kolorierten Fotografie hatte begonnen.

Von 1900 bis 1940 florierte die Kolorierung, und Fotos wurden als Geschenke, Souvenirs und persönliche Erinnerungen gekauft. Von 1904 bis 1939 war Wallace Nutting, noch ein Pastor (diesmal aus New England), der umsatzstärkste Anbieter aller Zeiten für handkolorierte Fotos.

Aus dem Jahr 1907 stammt die erste weit verbreitete Methode der tatsächlichen Farbfotografie, das Autochromverfahren, aber erst in den 1950ern wurden Farbfilme wirtschaftlich tragbar.

Auf einmal war es mit dem Handkolorieren in den USA und in einem großen Teil von Europa vorbei.

Weiter gepflegt wurde es in armen Ländern, in denen Farbfilme knapp, teuer oder nicht erhältlich waren, und in den 1960ern wurden handkolorierte Fotos als Antiquitäten und Kuriositäten an eine wesentlich kleinere Zielgruppe verkauft. Dies lebte in den 1970ern noch einmal auf, als die Welt sich erneut in handkolorierte Bilder verliebte, aber es war nicht mehr dasselbe – und damit sind wir in der heutigen Zeit angekommen.

Mads Madsen
Vorgestelltes Talent: Mads Madsen, Colourised History (Reddit).
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Kolorierung von Fotos im 21. Jahrhundert

Wie hat sich die Foto-Kolorierung Hunderte von Jahren nach der Aufnahme der ursprünglichen Fotos verändert, und wie sieht das Verfahren heute aus?

Um das in Erfahrung zu bringen, sprachen wir mit drei bekannten Kolorierern, deren bemerkenswerte Arbeiten etwa auf Buzzfeed und Thought Catalog zu sehen sind: Jordan J Lloyd von Dyamichrome.com, Wayne Degan von Metacolor.org, und Mads Madsen, einem Kolorierer, der auch das unglaublich beliebte Subreddit Colorized History erstellt.

Erstens sind die Werkzeuge heute viel besser als früher. Während Ölgemälde, Einfärbungen, Wasserfarben und andere manuelle Medien weiterhin von Nischenkünstlern verwendet werden, bietet die Technik heute schnellere, präzisere Methoden, Farben wiederherzustellen.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Ein guter Computer und ein Grafiktablett sind wertvolle Investitionen. Wenn Sie das nicht haben und dies beruflich machen möchten, investieren Sie darin. Ich verwende einen Apple iMac mit einem Wacom Intuos Pro Medium-Tablet, und wenn man sich daran einmal gewöhnt hat, ist die Geschwindigkeit, mit der man Masken hinzufügen kann, phänomenal. Das ist praktisch, weil viele Bilder Hunderte einzelner Masken erfordern.»

Wayne Degan Wayne Degan

«Ich arbeite mit einem digitalen Stift und Tablet. Zurzeit verwende ich ein Wacom Intuos Pro-Tablet mit Tablet-Stift. Ich arbeite stets mit Adobe Photoshop CC und zwei Samsung-Monitoren.»

Mads Madsen Mads Madsen

«Die meisten von uns verwenden Photoshop – ich verwende CS6 mit einem Wacom Bamboo-Tablet. Es gibt aber auch viele Leute, die Gimp verwenden, oder Paint.net – was sie verwenden, ist nicht so wichtig; es geht um die Arbeitstechnik, nicht um das Programm.»

Kolorierer verbringen viele Stunden damit, ihren Ansatz zu perfektionieren, aber die Grundlagen des Verfahrens sind relativ einfach.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Ich vergleiche das Kolorieren gern mit dem Schachspielen. Die Regeln sind leicht zu lernen, aber es ist extrem schwierig, richtig gut darin zu sein, und ich muss noch sehr viel üben. Die Grundformel und ihre Variationen sind sehr einfach: Fügen Sie dem Schwarzweißbild immer mehr Farbebenen hinzu, und maskieren Sie es „zwischen den Linien“. Das war's. Je mehr Farbvariationen Sie hinzufügen, umso „echter“ wirkt das fertige Bild, bis zu einem gewissen Punkt (ab dem neue Ebenen immer weniger bringen).

Wenn Sie ein Buch über das Thema schreiben wollten, können Sie das Verfahren (mit einem Bitmap-Bearbeitungsprogramm wie Adobe Photoshop) in einem Absatz zusammenfassen. Der Rest des Buchs würde sich jedoch auf die Arbeitstechniken während der Vorbereitung und nach der eigentlichen Kolorierung beziehen, mit denen viele von uns noch ständig experimentieren und neue Konzepte beschreiben.»

Mads Madsen Mads Madsen

«Ich habe zwei Jahre damit verbracht, mein Verfahren zu optimieren, bis ich es bequem und souverän schnell durchführen konnte, aber ich fange immer zuerst damit an, die Haut einzufärben. Wenn auf einem Foto 5–10 Menschen sind, koloriere ich die Gesichter und Hände und so immer zuerst, und dann die Kleidung.

Danach kann ich ein Gefühl dafür bekommen, wie der Hintergrund aussehen sollte, wenn ich kein Referenzmaterial zur Verfügung habe. Wenn es einfach irgendwo draußen ist, nur eine Wiese, ist es sinnlos, nach Referenzmaterial zu suchen – aber die Jahreszeit zu wissen, hilft sehr bei der historischen Genauigkeit.

Wenn das alles koloriert ist, beginnt die wirkliche Arbeit. Jetzt geht es an den wichtigsten Kunstgriff: Licht. Nichts ist wichtiger, als zu erkennen, wie das Licht mit Elementen des Bilds interagiert. Licht kann ein Bild auf vielfältige Weisen verändern, und wenn Sie die nicht berücksichtigen, sieht Ihr Foto am Ende... nicht „falsch“ aus, sondern nur „irgendwie komisch“, wissen Sie?

Unser Gehirn bemerkt schnell den nicht ganz hingekriegten Realismus („Uncanny-Valley-Effekt“) von Bildern, und das ist ein wichtiger Übeltäter bei schlecht kolorierten Bildern.

Dies sollte veranschaulichen, worüber ich spreche. Im ersten Bild wurde der Seite seines Gesichts, die vom Licht abgewandt ist, kein Blau hinzugefügt, und daher ist ihre Sättigung sehr hoch.

Im zweiten Bild wurde Blau hinzugefügt, um Schatten in den Lederfalten, seinem Helm und seinem Gesicht zu simulieren. Damit entsteht ein Realismus, den viele Leute vergessen. Dies ist auch ein Faktor bei sonnigen Tagen draußen, wie die Gesichter und die Kleidung von Leuten im Schatten und in der Sonne aussehen, sowie Autos, Straßen, Gebäude und eine Vielzahl anderer Dinge.

Im Endeffekt geht es darum, die Bildmotive und die Einflussfaktoren, denen sie ausgesetzt sind, sehr sorgfältig zu berücksichtigen.»

Aber auch wenn die verfügbaren Werkzeuge es leichter (und sauberer) gemacht haben, die vielen Schattierungen und Nuancen eines Fotos zu berücksichtigen, besteht die Kolorierung aus viel mehr als digitalen Pinseln, Filtern und Farbschichten.

Ein Foto überzeugend zu kolorieren, ist ein enormes Unterfangen, das gründliche Recherchen und akribische Aufmerksamkeit für Details erfordert.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Nachdem Sie sich die erforderlichen Werkzeuge beschafft haben, verbringen Sie einen Großteil Ihrer Zeit mit Vorbereitungen. Eine gute Restaurierung des Schwarzweißbilds ist notwendig, und es gibt ganze Bücher zu diesem Thema, also seien Sie bereit, dies zu tun.

Meiner Meinung nach ist die Qualität Ihrer Recherchen das Wichtigste bei Ihrer Arbeit, nicht etwa ein „Stil“. Ich kann die Arbeit anderer produktiver Kolorierer erkennen, aber sie wissen, was sie tun, und recherchieren umfassend.

Außerdem sollte man immer versuchen, zu verstehen, warum der ursprüngliche Fotograf dieses Bild aufgenommen hat. Welche Situation zeigt es; was ist wichtig? Dies macht ein gutes Foto aus, dem Sie dann Farben hinzufügen, aber Sie müssen daran denken: Sie bereichern und ergänzen das Original – Sie ersetzen es nicht.»

Die Wichtigkeit detaillierter Recherchen betont auch Degan.

Wayne Degan Wayne Degan

«Präzision und Aufmerksamkeit für Details sind mein Erfolgsrezept, das meine Arbeit besonders macht. Ein Foto zu kolorieren, kann extrem langwierig sein, wenn es viele Details enthält. Für das Foto von Audrey Hepburn, die mit ihrem zahmen Reh einkaufen geht, habe ich fast neun Stunden gebraucht, weil es so viele Waren in den Regalen zeigt. Ich recherchiere stets umfassend, bevor ich an einem Foto arbeite, um die jeweilige Ära möglichst genau einzufangen.»

Was Kolorierer frustriert und ihre Kritiker ärgert, ist dass auch mit all diesen Recherchen niemals eine vollständige Genauigkeit sichergestellt werden kann. Dies ist Teil der Ursache dafür, dass es überhaupt eine Kontroverse um diese Kunst gibt.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Genauigkeit ist bei der Kolorierung ein Ideal, kein Endziel. Wenn Sie nicht gerade mit einer Zeitmaschine zurückgehen können wie in dem Film “Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit” und selbst ein Referenzfoto machen, haben Sie absolut keine Möglichkeit, historische Genauigkeit zu erreichen. Stattdessen können Sie durch historisch exakte Farbreferenzen dem Bild, an dem Sie arbeiten, Glaubwürdigkeit verleihen, indem Sie ein Gefühl von Authentizität erzeugen, und je besser Ihre Recherchen sind, umso besser ist Ihr Endergebnis.

Die Suche nach Farbreferenzen und die allgemeinen Recherchen sind weiterhin der längste und mühsamste Teil des Verfahrens. Ich habe ein Prioritätensystem, um Farbreferenzen zu finden, und ein guter Kolorierer wird alle Möglichkeiten nutzen, um Farbreferenzen der wichtigsten Kategorie zu finden: Dies ist natürlich das jeweilige abgebildete Objekt selbst. Wenn das nicht möglich ist, suche ich nach einer restaurierten Kopie oder Reproduktion, und wenn das auch nicht erfolgreich ist, nach einem Objekt derselben Gruppe, Marke, Zeit und so weiter.

Was beim Kolorieren wirklich Freude macht, ist das Element forensischer Nachforschungen, die Sie leisten müssen, wenn Sie es gut machen möchten, zusammen mit einem Sherlock-Holmes-artigen Talent zum Kombinieren. Ja, Sie können die meiste Zeit nur informiert raten, aber dem liegen immerhin mühevolle Untersuchungen des visuellen und historischen Kontexts des Fotos zugrunde. Mit diesem Ziel versuche ich, mich nach Möglichkeit selbst zu übertreffen. Irgendwann tut man beispielsweise Folgendes:

  • E-Mails an Geschichtsexperten schreiben und an Firmen, die unabhängige Limo-Sorten vertreiben;
  • 3D-Modelle für bestimmte Elemente eines Bilds erstellen und die Schattenintensitäten auf dem Bild nachstellen, um zu ermitteln, wie sich Farben in einer entsprechend beleuchteten Umgebung verhalten;
  • Satellitenbilder verwenden, um allgemeine Klimaverhältnisse zu ermitteln;
  • Hunderte handgeschriebener Inventarzettel durchsehen und sie mit einem Objekt vergleichen, um dann das Objekt auf dem Foto altern zu lassen und es zu restaurieren.

Wenn jemand meint, das wäre wichtigtuerisch oder übertrieben, hat er nicht verstanden, worum es geht, weil Winston Churchill niemals in einer grellvioletten Jacke fotografiert wurde.»

Madsen ist ebenfalls der Meinung, dass Genauigkeit immer das Ziel ist – aber manchmal ist es unmöglich, mit Sicherheit zu wissen, ob eine Szene genau so wiederhergestellt wurde, wie sie aufgenommen wurde.

Mads Madsen Mads Madsen

«Ich kann keine hundertprozentige Exaktheit garantieren, weil ich nicht dabei war. Ich habe Bilder, bei denen ich zu 90 % sicher bin, dass ich es richtig gemacht haben, aber wenn ich fertig bin, fallen mir immer noch neue Sachen auf. Es kann niemals völlig genau sein, das kann niemand, außer wenn er ein echtes Farbfoto macht, die Farben entfernt und sie wieder hinzufügt.

Ich bemühe mich, so präzise wie möglich zu arbeiten, und es entmutigt mich, wenn ich eine Referenz nicht finden kann. Dann stelle ich das Projekt oftmals zurück, bis ich das fehlende Puzzleteil finden kann.»

Künstler und Historiker – oder Diebe und Lügner?

Trotz aller Gedanken um Recherchen und Verfahren bleibt die Frage: Sollten Kolorierer das überhaupt tun? Ist es in Ordnung, die Vergangenheit einzufärben, wenn man nicht 100 % sicher sein kann, dass man es richtig macht?

Kolorierer selbst sind die ersten, die sagen, dass sie einen Liebesdienst leisten; einen Ausdruck der Verehrung, der niemals als ein Versuch gemeint ist, die Originale zu ersetzen oder zu verbessern.

Auch Lloyd hat seine Kritiker, und es ist leicht zu erkennen, dass er sich die Zeit genommen hat, harsche Kommentare von Menschen zu lesen, die meinen, er sollte nicht an historischen Bildern herumbasteln.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Was ich interessant finde, ist die Schärfe unserer Kritiker in vielen Kommentarabschnitten online. Ihr wesentliches Argument ist, dass wir das Ausgangsmaterial nicht respektieren und dass wir ein Kunstwerk ruinieren oder versuchen, das Original durch eine schlechtere abgeleitete Arbeit zu ersetzen.»

Lloyd weist darauf hin, dass es bei der Kolorierung vor allem um den mühsamen und sorgfältigen Prozess geht, mit dem alte Fotos restauriert werden, bevor sie überhaupt bearbeitet werden können – ein Unterfangen, das tiefen Respekt für das Ausgangsmaterial zeigt.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Jeder Kolorierer, der diese Bezeichnung verdient, weiß, dass das Hinzufügen von Farben höchstwahrscheinlich der einfachste Teil eines viel längeren Prozesses ist. Das Wichtigste daran ist, das eigentliche Schwarzweißbild zu restaurieren. Ich finde das Argument nicht schlüssig, dass ein monochromes Bild ein Kunstwerk ist, wenn es Anzeichen von Schäden aufgrund schlechter Lagerung zeigt; und es ist dann sicherlich in 99,99 % der Fälle nicht das, was der ursprüngliche Fotograf wollte.

Wenn die Restauration als digitale Rekonstruktion stattfindet, was gelegentlich der Fall ist, ist sie ein höchst mühevoller und kunstvoller Prozess, um ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, aber wir führen sie trotzdem durch. Es gibt also zwei Versionen eines Bilds: das restaurierte Schwarzweißbild und die Version mit hinzugefügter Farbe.

Die Tatsache, das wir das Bild restaurieren, spricht Bände über unseren Respekt für das Ausgangsmaterial. Außerdem hat niemand von uns jemals behauptet, dass unsere Versionen dem Original überlegen sind, sondern nur, dass sie anders sind und versuchen, etwas zu bieten, was ein weit überlegenes Original ergänzt.»

Und weil es unvermeidlich ist, dass ihre Arbeit danach beurteilt wird, wie sie im Vergleich zum Original aussieht, wissen Kolorierer, dass es sehr stark darum geht, wie gut ihr Endprodukt ausgeführt ist.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Wir werden nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner beurteilt. Es gibt schlechte Kolorierungen (so, wie es von allem schlechte Exemplare gibt), und ohne sich ein paar von unterschiedlichen Kolorierern anzusehen, ist es schwer, den Unterschied zwischen schlecht, gut und hervorragend zu erkennen; aber ich kann kategorisch sagen, dass jeder Kolorierer, mit dem ich je gesprochen habe, sich bemüht, besser zu werden.

Meiner Meinung nach bekommt ein Kolorierer das höchste Kompliment für seine Fähigkeiten, wenn ein Bild so gut ist, dass es nicht auffällt, bis jemand darauf hinweist, dass es ursprünglich ein monochromes Bild war.

Das ist wie bei Computeranimationen in Filmen: Der Trick besteht darin, das Erlebnis zu intensivieren, nicht es zu ersetzen. Wenn sich Leute beispielsweise über schlechte Computeranimationen beschweren, meinen sie damit, dass sie nicht gut umgesetzt sind oder dass sie von der Handlung ablenken. Ich habe [jedoch] Hunderte von Film-Standbildern gesehen, in denen 80 % der Hintergrundelemente Computeranimationen sind und das absolut nicht zu erkennen ist.»

Diesem Eindruck stimmt Madsen zu, den die Wahrnehmung frustriert, dass Kolorierer die Farben willkürlich nach Gutdünken hinzufügen.

Mads Madsen Mads Madsen

«Das häufigste Missverständnis zu unserem Handwerk ist die Vorstellung, dass jeder der Künstler es einfach als Malbuch für Erwachsene ansieht.

Diejenigen von uns, die davon leben, sehen das nicht so, und wir nehmen es sehr ernst. Ich selbst und andere verbringen Stunden mit Recherchen, um ein einzelnes Bildelement zu finden, weil es das eine Objekt war, für das wir nicht hundertprozentig sicher sein konnten, dass es richtig war. Wir möchten so genau arbeiten wie möglich [...] als zukünftiger Historiker weiß ich, dass es fast eine Todsünde ist, die Geschichte absichtlich zu verändern.»

Wayne Degan von metacolor.org fasst es einfach zusammen:

Wayne Degan Wayne Degan

«Meine Arbeit ist nie eine „bessere“ Version, sondern eher ein Tribut an die Fotos, die mir gefallen.»

In gewisser Weise ist es seltsam, dass wir uns daran gewöhnt haben, die alten Schwarzweißbilder in ihrer ursprünglichen Form so sehr zu lieben – vor allem angesichts der Tatsache, dass seit der Erfindung der Fotografie der Versuch, die Farben wieder ins Bild zu bringen, eine lange Geschichte hat.

Mads Madsen Mads Madsen

«Wenn wir zu den Wurzeln der Fotografie zurückkehren und zu dem Verfahren, das ich heute nachahme, sehen wir, dass es [in der Vergangenheit] sehr angesehen war und für eine kurze Zeit als wichtiger Besitz der oberen Schichten, wie auch der unteren und mittleren, betrachtet wurde.

Eine so aufwendig handkolorierte Ambrotypie oder Daguerreotypie zu besitzen, wurde als Statussymbol gesehen, während die Ferrotypie mit lediglich rosigen Wangen und goldfarben nachbearbeitetem Schmuck in den meisten Haushalten zu finden war.»

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Angesichts der damals verfügbaren Technologien hatten viele Fotografen einfach keine Wahl, und Farbfilme waren erst in den 1950ern allgemein erhältlich – wohingegen die Schwarzweiß-Kameratechnologie auf ihrem Höhepunkt war.»

Mads Madsen
Vorgestelltes Talent: Wayne Degan, Metacolor.org.
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Die Grenzen der Kunst

Es gibt sicherlich Fälle, in denen davon auszugehen, ist, dass Farbe der ursprünglichen Intention des Kunstwerks zuwiderlaufen würde. Es gibt Fotografen wie Ansel Adams, der die schwarzweiße Bildersprache rühmte und nicht begeistert wäre, wenn seine sorgfältigen Kompositionen durch Versuche entstellt würden, Farben hinzuzufügen.

Ähnlich eliminiert Harold Baquet (ein heutiger Fotograf) absichtlich Farben aus seinen Bildern. «[Es geht um] den Ansatz, dass weniger manchmal mehr ist,» erläutert er. «Manchmal lenken Farben vom wesentlichen Gegenstand des Bilds ab. Manchmal sind Licht, Linien und Formen genug, und sie ermöglichen es Ihnen, die plastischen Eigenschaften dieser dritten Dimension zu erforschen, der illusionären Dimension der Tiefe.»

Es gibt wichtige Unterschiede zwischen künstlerischer Intention und technologischen Einschränkungen – und die Trennlinie dazwischen ist oft schwer zu ziehen. Schließlich kannten Fotografen in der Vergangenheit die Grenzen, mit denen sie arbeiteten, und nahmen ihre Fotos entsprechend auf.

Lloyd ist der Ansicht, dass die Entscheidung, ob man ein Foto kolorieren sollte, eine Frage der Ethik ist.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Ich habe die Regel: Wenn das Bild zu künstlerischen Zwecken schwarzweiß aufgenommen wurde und dies die Absicht des ursprünglichen Urhebers war, koloriere ich es nicht, außer als private Übung oder mit einem klar formulierten Ziel. Bei Bildern, die zu redaktionellen Zwecken oder mit dem Ziel historischer Korrektheit schwarzweiß aufgenommen wurden, sehe ich kein ethisches Problem.»

Dies bedeutet jedoch nicht, dass er sich damit wohlfühlen würde, wenn das Original aus dem Blickfeld geriete oder seine Bedeutung bei der Bearbeitung verloren ginge. Wie Lloyd bevorzugen es die meisten Kolorierer, wenn ihre Arbeit im richtigen Kontext gezeigt wird und der Urheber der ursprünglichen Fotos genannt wird, sofern dies möglich ist.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Ich kann die Position der Kritiker nachvollziehen – und das liegt daran, wie die Bilder online präsentiert werden.

In vielen Fällen wird überhaupt kein Kontext geboten. Die Nennung des ursprünglichen Fotografen, ein Vergleich mit der schwarzweißen Version sowie die gezeigte Situation und der historische Kontext werden stets ursprünglich an der Quelle bereitgestellt (durch mich jedenfalls ganz sicher) – aber all dies wird weggelassen, wenn das Bild gepostet und wieder und wieder weitergepostet wird.

Das Internet ist manchmal ein Stille-Post-Spiel, und ich verbringe viel Zeit damit, Websites anzuschreiben, damit sie ordnungsgemäße Urheberangaben und Links zu weiteren Informationen aufnehmen.»

Kann es sein, dass die Gegner der Kolorierung unter anderem den Eindruck haben, dass sie gegen ihr Verständnis von Geschichte und Tradition verstößt?

Vielleicht lieben wir die alten Schwarzweißfotos und mögen sie nicht verändert sehen, weil unsere Sicht der Vergangenheit in gewisser Weise auch schwarzweiß ist.

Es ist verführerisch, an die künstliche Version der „guten alten Zeit“ zu glauben, als das Leben einfach und die Welt leichter zu verstehen war. Diese vergangenen Äras in modernen Farben zu sehen, ist irritierend und unangenehm – auch wenn die Menschen, die damals lebten, sich sehr gefreut hätten, ihren Fotos neue Farben zu geben.

Alle Befragten sagten, dass die Künstler trotz der Negativität der wenigen Gegner überwiegend positives Feedback erhalten – von Personen, die die Fotos nun auf neue und persönliche Weise sehen und wertschätzen können.

Jordan J Lloyd Jordan J Lloyd

«Die Menschen lieben ein gut koloriertes Bild, weil es ein abstraktes Konzept, „die Vergangenheit in Schwarzweiß“, in einem Rahmen darstellt, den wir alle kennen: klaren Farben. Meine eigenen Arbeiten sind schon als „intensives Erlebnis“ oder als „zuverlässig“ beschrieben worden. Wie ein Kolorierer auf seiner Website schreibt: „Wir leben nicht in einer schwarzweißen Welt, und die Menschen früher taten das auch nicht!»

Mads Madsen Mads Madsen

«Viele Menschen wissen nicht, dass Farbfotografie so alt ist wie das Handwerk der Fotografie selbst. Wenn Sie Ereignisse, die Sie aus Geschichtsbüchern kennen, auf einmal in vollen, satten Farben sehen, wird Ihre Sichtweise auf den Kopf gestellt. Wir sind nicht [von Natur aus] darin geübt, Objekte in Schwarzweiß zu erkennen. Diese Bilder in Farbe zu sehen, ist dagegen etwas ganz Anderes, und auf einmal können wir eine Beziehung zu diesem Foto aufnehmen. Wir haben das Gefühl, mit diesen Leuten dort zu sein und es selbst zu erleben.»

Unabhängig davon, ob Sie Foto-Kolorierungen als Verbindung mit der Vergangenheit oder als Verbrechen an der Kunst sehen, ist es unmöglich, die Leidenschaft, Energie, Fähigkeiten und Sorgfalt zu leugnen, die zur Arbeit eines Experten gehören. Vielleicht das Beste daran ist, dass Gespräche über unsere Geschichte wieder aufleben, statt vergessen zu werden, und dass Geschichte auf alte und neue Weisen wichtig genommen wird.

Die beitragenden Experten

Jordan J Lloyd

Jordan J Lloyd ist Experte für die Farbwiederherstellung und arbeitet bei Dynamichrome.

Mads Madsen

Mads Madsen aus Dänemark studiert zurzeit im Master-Studiengang Geschichte und plant, eine Doktorarbeit zu schreiben. Er wohnt in Horsens und erstellt das beliebte Subreddit „Colorized History.

Wayne Degan

Wayne Degan ist Autor, Musiker und Vollzeit-Nerd. Er restauriert und koloriert gern alte Fotos. Wayne lebt zurzeit in Bangor, Maine, und schreibt ein Blog unter Metacolor.org.